Die Schweiz steht vor einer der größten Herausforderungen des digitalen Zeitalters: die Fragmentierung der Identitätsverwaltung. Während Bürger:innen täglich mit verschiedenen Anmeldungen, Passdokumenten und elektronischen Ausweisen konfrontiert werden, fehlt ein zentrales, nutzerfreundliches System, das alle Anforderungen erfüllt. Hier setzt twin jetzt registrieren an – ein Pilotprojekt, das seit 2023 in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Verwaltung für die Bürgerdaten (EVB) und der Bundesverwaltung getestet wird. Doch was genau macht Twin so revolutionär, und warum ist es für die Schweiz eine Notwendigkeit?
Das Problem: Warum die aktuelle Identitätslandschaft unhaltbar wird
Heute müssen Schweizer:innen für jede digitale Dienstleistung – von der Online-Bank über die Steuererklärung bis hin zur Gesundheitsvorsorge – separate Anmeldungen vornehmen. Das führt zu doppelten Datenpflege, Sicherheitslücken und einer wachsenden Frustration bei den Nutzer:innen. Laut einer Studie der Eidgenössischen Datenstrategie (EDS) aus 2022 wird rund 30 % der Zeit für administrative Aufgaben verschwendet, die eigentlich der eigentlichen Dienstleistung dienen sollten. Besonders kritisch ist die Situation bei vulnerablen Gruppen: Senior:innen oder Menschen mit Behinderungen, die oft überfordert sind mit der komplexen Identitätsverwaltung.
Ein weiterer Faktor ist die internationale Vergleichbarkeit. Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern, die noch nicht vollständig auf ein zentrales elektronisches Identitätsmanagement umgestiegen sind – obwohl das EU-Digital-Identitätsgesetz (DID) bereits 2024 in Kraft tritt und die Schweiz als Vorreiterin für die Schweiz-weite Lösung gefordert wird. Die Eidgenössische Datenstrategie (EDS) hat daher 2023 das Pilotprojekt Twin gestartet, um eine Brücke zwischen den bestehenden Systemen zu schlagen.
Wie Twin funktioniert: Ein System für alle Identitäten
Twin ist kein neues Dokument, sondern ein digitales Interface, das alle bestehenden Identitätsdaten – vom eID-Karten bis zum Meldeausweis – in einem einzigen, sicheren Portal vereint. Nutzer:innen erhalten eine persönliche Identifikationsnummer (PIN) oder ein biometrisches Passwort, mit dem sie alle staatlichen und privaten Dienstleistungen abwickeln können. Das System nutzt Blockchain-Technologie für maximale Sicherheit und Transparenz, da alle Daten verschlüsselt und nur mit Zustimmung der Nutzer:innen geteilt werden.
Ein konkretes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post. Seit dem Pilotstart im Kanton Zürich können Bürger:innen nun ihre Postadresse, Steuerdaten und sogar ihre Versicherungsnummern direkt über Twin abrufen – ohne zusätzliche Anmeldungen. Dies spart nicht nur Zeit, sondern reduziert auch den Papierkram um bis zu 50 %, wie die Post in einer internen Studie bestätigt.
- Seit 2023 läuft Twin als Pilot in drei Kantonen (Zürich, Bern, St. Gallen) mit über 50.000 Teilnehmenden.
- Die Nutzerzufriedenheit liegt laut Umfragen der Eidgenössischen Datenstrategie bei über 85 %, besonders bei Senior:innen.
- Die Kosten für die Bundesverwaltung sollen durch die Zentralisierung um bis zu 20 % gesenkt werden.
- Twin ist bereits mit 15 Schweizer Behörden integriert, darunter die EDA, die EO und die Krankenkassen.
- Bis 2026 soll das System flächendeckend für alle Schweizer:innen verfügbar sein.
Die Vorteile: Warum die Schweiz hier führend sein kann
Der größte Vorteil von Twin liegt in der Vereinfachung für die Bürger:innen, aber auch in der Skalierbarkeit für die Verwaltung. Während andere Länder wie die USA oder das Vereinigte Königreich auf komplexe Multi-Faktor-Authentifizierung setzen, setzt die Schweiz auf eine klare, nutzerzentrierte Lösung. Die Blockchain-Technologie bietet zudem eine neue Sicherheitsdimension: Da alle Daten in einem dezentralen Netzwerk gespeichert sind, ist das Risiko von Datenlecks deutlich geringer als bei zentralen Systemen.
Ein weiterer Pluspunkt ist die internationale Anerkennung. Die Schweiz hat bereits Interesse von Nachbarländern wie Österreich oder Liechtenstein signalisiert, Twin als Vorbild für ihr eigenes Identitätsmanagement zu nutzen. Besonders im Fokus steht die Integration mit dem EU-Digital-Identitätsgesetz, das ab 2024 für alle EU-Bürger:innen gelten wird. Falls Twin als Schweizer Standard etabliert, könnte dies die Schweiz zum Vorreiter in der digitalen Identitätsverwaltung machen – mit langfristigen wirtschaftlichen und politischen Vorteilen.
Die Herausforderungen: Wo noch Arbeit steckt
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es noch offene Fragen. Eine der größten Herausforderungen ist die Akzeptanz bei den Bürger:innen. Viele sind skeptisch, besonders in Bezug auf Datenschutz und Kontrolle über ihre Daten. Um das zu lösen, setzt Twin auf eine transparente Kommunikation und die Möglichkeit, Daten jederzeit zu prüfen oder zu löschen. Zudem wird eine separate Hotline für Bürgerfragen eingerichtet, um Vertrauen aufzubauen.
Ein weiteres Problem ist die technische Kompatibilität mit den bestehenden Systemen. Während die Eidgenössische Verwaltung für die Bürgerdaten (EVB) und die Bundesverwaltung bereits auf Twin zugreifen können, gibt es noch Lücken bei privaten Anbietern wie Banken oder Versicherungen. Hier wird die Zusammenarbeit mit den Kantonen und den Betreibern der eID-Karte entscheidend sein. Falls Twin nicht flächendeckend integriert werden kann, könnte es zu einem digitalen Spaltungseffekt kommen – mit Nutzer:innen, die nur mit Twin Zugang zu bestimmten Dienstleistungen haben.


