In den Schweizer Kantonsschulen wird das Gransino nicht mehr nur als Prüfungsformat, sondern zunehmend als Katalysator für kreative Lernprozesse gesehen. Besonders in Städten wie Zürich, Basel oder Winterthur erleben Jugendliche seit Jahren, wie die traditionellen Prüfungen durch alternative Ansätze – etwa Projektarbeit, Portfolio-Prüfungen oder die Nutzung digitaler Tools – den Schulalltag verändern. Die Reformen des Gransino stehen dabei nicht isoliert da, sondern sind Teil eines breiteren Trends, der die Schule von der reinen Wissensvermittlung hin zu einem Ort des experimentellen Lernens führt. Doch wie genau funktioniert dieses System wirklich, und welche Rolle spielt es für die individuelle Entwicklung der Schüler:innen?

Das Gransino, das jährlich im März stattfindet, ist für viele Jugendliche der Höhepunkt ihrer Schulzeit. Doch während die Prüfungen selbst weiterhin strenge Regeln befolgen – etwa bei den schriftlichen Aufgaben oder den mündlichen Tests –, gewinnen in den letzten Jahren die sogenannten «Gransino-Alternativen» an Bedeutung. Diese umfassen unter anderem:

  • Portfolio-Prüfungen, bei denen Schüler:innen ihre Fähigkeiten in digitalen oder physischen Projekten nachweisen müssen.
  • Die Einführung von «Lernportfolios», die nicht nur Noten, sondern auch persönliche Entwicklungsziele und Reflektionen dokumentieren.
  • Die Möglichkeit, mündliche Prüfungen durch Präsentationen oder Diskussionen zu ersetzen, was besonders für kreative Fächer wie Kunst oder Musik vorteilhaft ist.
  • Die Nutzung von Online-Plattformen wie Moodle oder Google Classroom, um Aufgaben zu bearbeiten und Ergebnisse einzureichen.
  • Die Anerkennung von Praktika oder Exkursionen als Teil der Prüfungsvorbereitung, besonders in praktischen Fächern wie Handwerk oder Technik.

Diese Ansätze zeigen, dass das Gransino nicht mehr nur als Prüfungsformat, sondern als Chance für individuelle Lernwege gesehen wird.

Ein konkretes Beispiel aus dem Kanton Zürich zeigt, wie diese Reformen in der Praxis wirken. An der Kantonsschule Aarau wurden in der vergangenen Schuljahrgangsprüfung 2022/23 rund 40 Prozent der Schüler:innen von Portfolio-Prüfungen statt klassischer schriftlicher Tests abgeholt. Besonders in den Maturitätsfächern wie Mathematik oder Biologie überzeugten die neuen Methoden, da sie komplexere Aufgabenstellungen und praktische Anwendungen erforderten. «Früher hätte man nur eine Formel auswendig gelernt», sagt eine Lehrkraft, «heute geht es darum, Probleme zu analysieren und Lösungen zu entwickeln.» Solche Veränderungen spiegeln sich auch in den Noten wider: Während die durchschnittliche Punktzahl im traditionellen Gransino bei 4,5 liegt, erreichen Schüler:innen mit Portfolio-Prüfungen oft höhere Durchschnittswerte, weil sie ihre Stärken gezielt einbringen können.

Doch hinter diesen Erfolgsgeschichten stecken auch Herausforderungen. Ein zentraler Kritikpunkt ist die fehlende Standardisierung: Während die schriftlichen Prüfungen klar geregelt sind, variieren die Alternativen je nach Schule und Kanton. Einige Lehrer:innen befürchten, dass die Flexibilität zu Ungleichheiten führt, etwa wenn Schüler:innen aus Privatschulen oder mit anderen Lernvoraussetzungen bessere Chancen auf alternative Prüfungsformen haben. Zudem bleibt unklar, wie die Notenbildung in diesem System fair bleibt. «Manche Schüler:innen fühlen sich überfordert, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Projekte bewerten lassen sollen», erklärt eine Schülerin. Diese Unsicherheit zeigt, dass die Reformen zwar innovativ sind, aber noch nicht überall flächendeckend umgesetzt sind.

Für viele Jugendliche ist das Gransino hier spielen jedoch mehr als nur eine Prüfung – es ist ein Moment, in dem sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und gleichzeitig ihre Neugierde wecken können. Besonders in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) gewinnen Methoden wie das «Project-Based Learning» an Beliebtheit. An einer Schule in Bern mussten Schüler:innen beispielsweise ein eigenes Energiesystem entwerfen und präsentieren, um ihre Prüfung zu bestehen. Solche Projekte fördern nicht nur die praktischen Fähigkeiten, sondern auch die Teamarbeit und das kritische Denken. «Ich habe gelernt, dass ich nicht nur Wissen, sondern auch Problemlösungen vermitteln kann», sagt eine 17-Jährige, die mit einem solchen Projekt die Prüfung erfolgreich bestand.

Die Reformen des Gransino spiegeln zudem eine breitere gesellschaftliche Entwicklung wider: Die Schule wird zunehmend als Ort des lebenslangen Lernens verstanden, der nicht nur auf die Prüfung, sondern auf die gesamte Entwicklung der Jugendlichen abzielt. Doch ob diese Vision wirklich umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Während einige Kantone wie Zürich oder Genf bereits konkrete Schritte gehen, hinken andere noch hinterher. Ein zentraler Frage bleibt: Wie kann das Gransino so gestaltet werden, dass es nicht nur die Prüfung, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler:innen fördert – ohne dabei die Standards zu vernachlässigen?

Eines ist jedoch klar: Das Gransino hier spielen wird in den nächsten Jahren noch mehr als ein Prüfungstag sein. Es wird ein Experiment, ein Testfeld für neue Lernformen, und vielleicht sogar ein Vorbild für andere Länder, die ihre Bildungssysteme reformieren möchten. Ob es gelingt, die Balance zwischen Struktur und Freiheit zu finden, bleibt eine der spannendsten Fragen der Schweizer Bildungspolitik.